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Geschichte

Der Beginn der Geschichte dieses Landes, das so häufig im Schatten seines großen Nachbarn China stand, ist schwer festzulegen. Schon mehr als 1.000 Jahre v. Chr. gab es im Delta des Roten Flusses feste Ansiedlungen, deren Bewohner vom Reisanbau lebten. Der erste König, der nicht in den Bereich von Sagen und Legenden verwiesen werden kann, ist An Dunong Vuong (257-207 v. Chr.). Sein Reich An Lac wurde von der Hauptstadt Co Loa aus regiert. Überreste der Königszitadelle sind noch heute im gleichnamigen Dorf etwas nördlich von Hanoi zu besichtigen. 111 v. Chr. dehnte die chinesische Han-Dynastie ihren Machtbereich erheblich aus und verleibte sich das Gebiet des heutigen Vietnam ein. So geschah zum ersten Mal, was sich im Laufe der nächsten 2.000 Jahre noch oft wiederholen sollte: Das Land der Viet wurde zu einer Kolonie oder zu einem tributpflichtigen Vasallenstaat des mächtigen Reichs der Mitte. Es hatte sich jedoch schon so etwas wie eine nationale Identität herausgebildet, die sich von der chinesischen in mancherlei Hinsicht unterschied. Das Land im Süden war nicht so patriarchalisch geprägt wie China. Gemeinschaftswirtschaft ging vor privatem Eigentum. Die Frau spielte hier von jeher eine wichtige Rolle, die moralischen Wertvorstellungen waren lockerer und viele Sitten der Einheimischen wie Betel kauen, Zähne schwärzen und Körpertätowierungen waren südostasiatischen Ursprungs (aus dem heutigen Malaysia und Indonesien).

Trung Trac und Trung Nhi, zwei Schwestern, lehnten sich 39 n. Chr. gegen die Herren aus dem Norden auf. Die beiden Schwestern hatten sich zu Königinnen krönen lassen und führten den Aufstand gegen die Besatzer an. Sie konnten sich jedoch nicht lange an der Macht halten (bis 43 n. Chr.). Die Reaktion der Chinesen war jetzt um so härter. Der einheimische Adel wurde zum Teil liquidiert, die chinesische Sprache und Schrift intensiv verbreitet, chinesisches Recht oktroyiert und die vietnamesischen Bräuche wurden verboten. Das Land blieb bis ins 6. Jahrhundert chinesische Provinz. Die Trung-Schwestern werden bis heute als Symbol des nationalen Widerstands verehrt.

Unter dem Gelehrten Ly Bon kam es 541 n. Chr. zum Aufstand der einheimischen Bevölkerung und die Besatzer wurden für ein paar Jahre vertrieben (bis 547). Der Rest des Jahrhunderts wurde durch ständige Auseinandersetzungen zwischen den Chinesen und den Vietnamesen geprägt.

Der chinesischen Tang Dynastie gelang es Anfang des 7. Jahrhunderts das Land der Viet für über 300 Jahre zu verwalten. Es wurde zum Generalprotektorat An Nam (befriedeter Süden). Diesen Namen benutzten sehr viel später auch die Franzosen für Zentralvietnam.Tatsächlich wurde Vietnam nie voll in das Reich der Mitte integriert. Der Einfluss Chinas blieb begrenzt und regional unterschiedlich. Am stärksten war er in den Zentren im Delta des Roten Flusses zu spüren. Das heutige Südvietnam gehörte überhaupt nicht in den Einflussbereich der Herrscher aus dem Norden. Hier hatte sich das hinduistische Königreich der Champa etabliert. Mit dem Niedergang der Tang-Dynastie kam die ersehnte Chance auf nationale Eigenständigkeit. In der legendären Schlacht von Bach Dang (938), nahe Hai Phong, besiegte General Ngo Quyen die Chinesen und beendete somit eine fast tausendjährige Herrschaft. Der erste vietnamesische Herrscher verlegte in Anknüpfung an das ursprüngliche Königreich Au Lac seine Hauptstadt nach Co Loa. Mit seinem Tod versank das Land jedoch wieder in Anarchie.
Es begann ein Jahrhunderte langer Machtkampf zwischen einheimischer Aristokratie und der von China geschaffenen Zentralmacht. Auf der einen Seite wurde zur Führung des Landes eine starke Zentralgewalt benötigt, auf der anderen Seite bedeutete dies eine Übernahme der von den Chinesen geschaffenen, verhassten Machtstrukturen. Eine Rückkehr zu den eigenen Traditionen hätte eine Aufsplitterung des Viet-Reiches in unzählige kleine Fürstentümer bedeutet. Ein lokaler Kriegsherr namens Dinh Bo Linh übernahm 967 das Ruder und sicherte sich mit Tributzahlungen an China eine gewisse Eigenständigkeit. Er verlegte die Hauptstadt in seine Geburtsstadt Hoa Lu, nahe der heutigen Provinzhauptstadt Ninh Binh. Er und sein ältester Sohn wurden von konkurrierenden Viet-Fürsten ermordet.

Erst als der erste Ly-Kaiser, Begründer der gleichnamigen einheimischen Dynastie, im Jahre 1009 den Thron bestieg, kam wieder Ordnung in die verworrenen Verhältnisse. Jetzt erlebte der Buddhismus seine Blütezeit. Zur Hauptstadt wurde Thang Long (aufsteigender Drache), das heutige Ha Noi, ernannt. 1070 gründete man die erste Universität des Landes, den Literaturtempel (Van Mieu) in der Kapitale. Die Ly-Kaiser unternahmen immer wieder Versuche, ihr Herrschaftsgebiet nach Süden hin zu erweitern und verzettelten sich so in kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Cham.
1224 wurden sie von den Tran-Kaisern abgelöst, die jedoch im wesentlichen die Politik ihrer Vorgänger fortsetzten. Es dominierten aber die von den Chinesen ins Land gebrachten Errungenschaften, der Konfuzianismus und das Mandarinat. Zu den Staatsprüfungen wurden erstmals Bürgerliche zugelassen. Da aber nur die Allerbesten Mandarin werden konnten, verstreute sich der große Rest über das ganze Land und unterrichtete die Menschen dort. Das hohe Bildungsniveau der Bevölkerung dieser Zeit suchte seinesgleichen.
Zur Zeit der Tran-Dynastie gelang den Vietnamesen ein einmaliger militärischer Sieg. 1288 wehrte der einheimische Feldherr Tran Hung Dao die zahlenmäßig weit überlegene mongolische Streitmacht des Kublai Khan am Bach Dang Fluss ab und ging damit in die Annalen der Geschichte ein.
Querelen der einzelnen Viet-Fürsten und ständige Grenzscharmützel mit den Cham führten Anfang des 15. Jahrhunderts zum Sturz der Tran und zum Eingreifen der Chinesen. Die gestürzten Tran riefen nämlich die nördlichen Nachbarn zu Hilfe und versuchten mit ihrer Unterstützung wieder auf den Thron zu gelangen. Die folgenden zwei Dekaden chinesischer Ming-Besatzung schafften es, das Land förmlich auszusaugen und brutal zu unterdrücken.
Das vietnamesische Nationalbewusstsein verlangte Genugtuung. Ein charismatischer Grundbesitzer namens Le Loi führte den Aufstand an und gründete als Kaiser Le Thai To im Jahre 1428 das unabhängige Viet-Reich (Beginn der Le-Dynastie). Er baute die zentralistische, konfuzianisch bestimmte Staatsmonarchie auf, die die Franzosen noch im 19. Jahrhundert vorfanden. Der Kaiser herrschte an der Spitze eines Staatsapparates, der aus jederzeit ersetzbaren und leistungsbezogenen Beamten (Mandarinen) bestand. Ein Rechtscode wurde eingeführt, standardisierte Maße und Gewichte und eine Kupferwährung geschaffen. Der Staat "funktionierte". Nominell herrschte die Le-Dynastie bis 1788 über das Land, tatsächlich aber wurde sie bereits nach 100 Jahren entmachtet und von zwei rivalisierenden Adelsclans beherrscht - den Trinh im Norden und den Nguyen im Süden. Die Trinh verfügten über die alte Zentralmacht mit den bereits existierenden Instrumentarien in Ha Noi, die Nguyen bauten in Hue einen Gegenstaat auf.
Von historischer Bedeutung ist der Zerfall des Khmer- und Champa-Reichs zur Zeit der "aufgeklärten" frühen Le-Kaiser. Eine Reihe zersplitterter Fürstentümer trat an die Stelle des mächtigen Königreichs der Champa. Dem Expansionsdrang der Vietnamesen nach Süden konnte nun nachgegeben werden. Nach und nach siedelten sich landlose Bauern aus dem Norden im Gebiet des heutigen Südvietnam an.
Anfang des 16. Jahrhunderts trat erstmals ein völlig neuer politischer Aspekt auf, der die Nguyen im Süden begünstigte. 1535 gründeten die Portugiesen als erste Europäer in Faifo (dem heutigen Hoi An) eine Handelsniederlassung. Den Händlern folgten europäische Missionare. Die einheimischen Herrscher wussten nicht, wie sie mit den fremdländischen Einflüssen umgehen sollten. Es begann ein Jahrhunderte langer Zickzack-Kurs der Kaiser und Mandarine. Der Kampf der Trinh und der Nguyen endete 1672 mit der Teilung des Landes entlang des 18. Breitengrads und der Einigung auf eine friedliche Koexistenz. Es folgten 100 relativ ruhige Jahre, während derer die Le-Kaiser nur noch eine repräsentative Rolle innehatten.
Sowohl der Hof in Hue wie auch der in Ha Noi entfernten sich immer mehr vom Volk und waren in erster Linie damit beschäftigt, so viel wie möglich aus den Untergebenen herauszupressen. Korruption, den Bauern auferlegte Steuern sowie Wehrdienste und Hungersnöte schürten die Unzufriedenheit in der Bevölkerung.

Aus unkoordinierten kleinen Aufständen wurde durch drei Brüder, angesehenen Kaufleuten aus dem Dorf Tay Son, eine Revolution (1771). Diese Nguyen-Brüder (keine Verwandtschaft mit den im Süden herrschenden Nguyen-Fürsten) setzten die Le-Dynastie offiziell wieder ein. Als die Les aber mit China paktieren wollten, bestieg der jüngste Bruder Nguyen Hue als Kaiser Quang Trung (1789 - 1792) den Thron von Ha Noi und wurde der letzte vietnamesische Herrscher, der eine chinesische Invasion zurückschlug. Der letzte Nguyen-Fürst von Hue, Nguyen Anh, war dem Tay Son-Aufstand entkommen und versuchte nach dem Tode Quang Trungs nun sein legitimes Erbe zu verteidigen. Der französische Missionar und Bischof von Adran sah in Nguyen Anh eine Möglichkeit, den Einfluss der katholischen Kirche im Lande zu vergrößern und bot finanzielle und militärische Hilfe an.

Kaiser Gia Long (1802 1820)
So gelang es dem letzten Nguyen-Fürsten schließlich mit europäischer Hilfe die Brüder aus Tay Son zu besiegen. Als Kaiser Gia Long bestieg er 1802 den Thron von Hue und begründete die Nguyen-Dynastie. Zum ersten Mal in seiner langen Geschichte erhielt Vietnam seinen heutigen Namen. Die Hauptstadt Hue, geographisch in der Mitte gelegen, war tatsächlich jedoch weit ab von den Zentren des Landes im Norden (Ha Noi) und Süden (Sai Gon). Trotz seiner französischen Berater und des europäischen Einflusses etablierte der neue Kaiser den traditionellen Staat seiner Vorväter nach konfuzianischem Muster mit Mandarinat. Der neuen Kaiser-Residenz diente der Palast in Peking als Vorbild. Amtssprache wurde Chinesisch.

Kaiser Minh Mang (1820 1842)
Nachfolger Gia Longs wurde sein Sohn Minh Mang, der als konfuzianischer Gelehrter den traditionellen Staat stärkte und gegen europäische Einflüsse abschottete. Den Katholizismus betrachtete er als größten Feind.

Kaiser Thieu Tri (1842 1847)
Er setzte die antikatholische und antieuropäische Haltung seines Vorgängers fort.

Kaiser Tu Duc (1847-1883)
Die Kontinuität der vietnamesischen Politik wurde aufrechterhalten. Wegen dieser feindseligen Haltung und insbesondere wegen der Verfolgung und Hinrichtung französischer Missionare eroberten 1858 französische und spanische Truppen Tourane, das heutige Da Nang. Das Jahrhundert der französischen Kolonialzeit begann. Im Zuge der fortgesetzten Expansion der Franzosen trat Tu Duc den Süden des Landes offiziell den Fremden ab, in der Hoffnung, dass der Rest seiner Machtsphäre erhalten bliebe. Das so gewonnene Gebiet tauften die Franzosen Cochinchina.
Tu Duc, der kleine Kaiser (er maß nur 1,43 m), war ein Schöngeist und Träumer, der mit den modernen Herausforderungen nicht fertig wurde. Er verschanzte sich in seinem Hof in Hue, dichtete und angelte und ließ sich von fast 300 Konkubinen umgarnen. Trotzdem blieb er kinderlos. Nach seinem Tod im Jahre 1883 wechselten sich mehrere Monarchen in schneller Folge ab. Die Franzosen nutzten die Verwirrung und Führungslosigkeit. Durch den Protektoratsvertrag vom 25.8.1883 musste Vietnam endgültig die Kolonialherrschaft über Cochinchina sowie das französische Protektorat in An Nam (Zentralvietnam) und Ton King (Nordteil des Landes) anerkennen. Die Herrscher der Nguyen blieben zwar pro forma auf dem Thron, die Geschicke des Landes wurden nun aber von den Kolonialherren geleitet.
Die Nachbarländer Kambodscha und Laos ereilte das gleiche Geschick. Mit der Bildung der Indochinesisehen Föderation versuchte man, die Verwaltung dieses "Indochina" zu vereinheitlichen.
Nachdem die Franzosen erst nicht so recht wussten, was sie mit dem neuerworbenen Juwel im Osten anfangen sollten, entsendeten sie endlich einen "starken" Mann, Paul Doumer, der zwischen 1897 und 1902 einen funktionstüchtigen Kolonialapparat aufbaute. Die Infrastruktur der rückständigen Kolonie wurde ausgebaut, insbesondere die Häfen von Sai Gon und Hai Phong, ein 3.000 km langes Eisenbahnnetz verlegt und der Straßenbau vorangetrieben. Haupteinnahmequellen der Kolonialherren waren staatliche Monopole auf Alkohol, Opium, das Glücksspiel und Salz. Die Wirtschaft der Kolonie basierte vorwiegend auf drei Säulen: Reis, Kautschuk und Kohle.

UNABHÄNGIGKEITSSTREBENNach der Jahrhundertwende verlangten jedoch immer mehr Einheimische, teilweise von aufklärerischen Ideen aus dem Westen, teilweise von pan-asiatischen Gedanken beeinflusst, nach Unabhängigkeit ihres Landes vom Joch des Kolonialismus. Nationalistische und kommunistische Gruppen entstanden.
Auf der politischen Agenda tauchte ein Mann auf, der das Land schließlich zum Ziel führen sollte: Ho Chi Minh (1890 - 1969). Seinen Beinamen "Onkel Ho" verdankt er seinen Anhängern. Mit Geburtsnamen hieß er Nguyen Sinh Cung. Er nahm mehrere Pseudonyme an, darunter Nguyen Ai Quoc, ehe er sich Ho Chi Minh nannte. 1930 gründete er in Hong Kong die Kommunistische Partei Vietnams, die sich damals als patriotisch-nationalistische Befreiungsbewegung verstand. 1941 war Ho Chi Minh nach 30-jährigem Exil in sein Heimatland zurückgekehrt und hatte den Viet Minh, ein Widerstandsbündnis bestehend aus vielen unterschiedlichen Gruppierungen, gegründet.
Nach Ausbruch des 2. Weltkriegs war Indochina total isoliert. Die Franzosen hatten beschlossen mit Japan zu kollaborieren, was eine japanische Okkupation zur Folge hatte. Das Land wurde bis zum letzten Blutstropfen ausgesaugt. Allein im letzten Kriegsjahr 1945 starben zwei Millionen Vietnamesen an Hunger. Nach der Kapitulation Japans proklamierte der Viet Minh am 2.9.1945 die Unabhängigkeit der Demokratischen Republik Vietnam (DRV). Ho Chi Minh wurde Ministerpräsident und Außenminister. Der letzte Kaiser der Nguyen, Bao Dai, der wie seine Vorgänger nur mehr als Marionette fungiert hatte, dankte ab und ging nach Frankreich ins Exil.

DER FRANZÖSICHE INDOCHINA-KRIEG (1946-1954)Mit Hilfe der Briten versuchten die Franzosen jedoch ihr altes Kolonialgebiet zurückzugewinnen. Angesichts der chinesischen Gefahr aus dem Norden beschloss Ho Chi Minh das kleinere Übel (die Franzosen) gewähren zu lassen.
Als letztere aber im November 1946 nach einem provozierten Zwischenfall im Golf von Ton King Hai Phong und Ha Noi bombardierten, rief Ho Chi Minh den Kriegszustand aus und operierte von jetzt ab aus dem Untergrund.
In den nächsten Jahren gelang es den Franzosen, die Städte und die wichtigen strategischen Punkte zu beherrschen, während der Viet Minh die Gewalt über die weiten Landstriche mit immer größerer Unterstützung der Landbevölkerung ausübte.
Im Jahre 1950 änderte sich die Situation grundlegend. Die neugegründete Volksrepublik China erkannte die DRV offiziell an und begann den Viet Minh mit Waffen und Munition zu versorgen. Die Sowjetunion folgte mit der diplomatischen Anerkennung. Die USA, die einer Antikommunisten-Hysterie verfallen war, unterstützte daraufhin Frankreich. Der Domino-Theorie zufolge würde nämlich der Sieg des Kommunismus in einem Land der Region das Umkippen aller umliegenden Länder zur Folge haben und somit eine weltweite rote Gefahr heraufbeschwören. Die kriegerischen Auseinandersetzungen in Vietnam waren zum Stellvertreter-Krieg der Großmächte eskaliert, der im Mai 1954 mit der Niederlage der Franzosen bei Dien Bien Phu endete.

Intermezzo (1954 - 1964)
Am Verhandlungstisch in Genf wurde das Land de facto entlang des 17. Breitengrades geteilt und die Truppen umgruppiert, Franzosen und Nationalisten in den Süden, Ho Chi Minhs Kräfte in den Norden. 1955 lösten die Franzosen auch im Süden endgültig ihre Truppen und ihre Kolonialverwaltung auf und hinterließen ein heilloses Durcheinander. Banden und schwerbewaffnete Sekten wie die Cao Dai und Hoa Hoa gaben in ganzen Landstrichen den Ton an. Die Genfer Beschlüsse lösten eine Völkerwanderung ungeahnten Ausmaßes aus. Circa eine Million Katholiken, vorwiegend aus der Gegend um Ninh Binh, zogen südlich des 17. Breitengrads, Kämpfer der Viet Minh aus dem Süden gingen in den Norden.
Für 1956 waren nationale Wahlen unter internationaler Kontrolle angesagt, die jedoch nie abgehalten wurden. Die Amerikaner begannen den später berüchtigten Katholiken Diem in Sai Gon zu etablieren. Der ahnte, dass bei offiziellen Wahlen Ho Chi Minh einen überwältigenden Sieg davontragen würde und verhinderte somit einen Urnengang mit allen Mitteln. Unter diesem Präsidenten Südvietnams blühte in den folgenden Jahren der Sumpf der Korruption, wurden Hexenjagden auf Kommunisten veranstaltet und Katholiken in jeder Beziehung bevorzugt. Ende des Jahres 1960 hatte sich ein Widerstandsbündnis verschiedener Gruppierungen gegen die Regierung in Sai Gon herausgebildet, die FNL (Nationale Befreiungsfront). Von Diem und seinen Anhängern allesamt als Kommunisten beschimpft, tauchte der Begriff Viet Cong (vietnamesische Kommunisten) auf.
Die Favorisierung der Katholiken (knapp 10 %) führte zum Widerstand der überwiegend buddhistischen Bevölkerung. Am spektakulärsten war wohl die Selbstverbrennung des Mönches T h i c h Q u a n g D u e im Sommer 1963, deren Bilder die Weltöffentlichkeit aufschreckten.Daraufhin ließen die Amerikaner ihre Marionette fallen und ermunterten südvietnamesische Generäle zum Putsch, in dessen Folge Diem im November des gleichen Jahres noch erschossen wurde. Von nun an löste eine Militärjunta die andere ab.

DER AMERIKANISCH-VIETNAMESISCHE KRIEG (1964-1975)
Die nächste internationale kriegerische Auseinandersetzung begann erneut im Golf von Ton King. Im August 1964 provozierte der US Zerstörer Maddox einen Schusswechsel mit nordvietnamesischen Küstenschutzbooten, was den amerikanischen Kongress zur sogenannten Ton King-Resolution veranlasste. Diese ermöglichte nun ein offenes militärisches Engagement, das Anfang 1965 begann. Drei Jahre später waren bereits über eine halbe Million GI's und circa 100.000 alliierte Soldaten im Lande stationiert. Obwohl ihnen das unwegsame Dschungelgelände und das Tropenklima teilweise schwer zu schaffen machten, waren die Amerikaner in den ersten Jahren des Kriegs von einem schnellen Sieg überzeugt.
Der Wendepunkt im Kriegsverlauf erfolgte am Tage des vietnamesischen Neujahrsfests Tet im Jahr 1968 - Tet Offensive. In einer großangelegten Aktion stürmten die Truppen Ho Chi Minhs fast jede Stadt des Südens und eroberten sogar die US-Botschaft in Sai Gon.
Nun legten die Amerikaner endgültig jede Rücksichtnahme ab und schlugen erbarmungslos zurück. Ganze Ortschaften wurden dem Erdboden gleichgemacht und die kommunistischen Truppen mussten sich wieder zurückziehen. Die amerikanische Öffentlichkeit aber erlebte die heftigen Kämpfe am Bildschirm live mit und reagierte entsetzt über die Brutalität und den Verlust zahlreicher junger US-Soldaten. Die Stimmung in den USA änderte sich.
1968 gewann Richard Nixon die Präsidentschaftswahl mit dem Versprechen, den Krieg zu beenden. Stattdessen weitete der neue Präsident nach seinem Amtsantritt den Krieg auf die Nachbarländer Kambodscha und Laos aus, da von deren Staatsgebiet aus die Versorgung des Feindes erfolgte. Die Kosten und Opfer des Krieges stiegen ständig. 1969 starb Ho Chi Minh zu einem Zeitpunkt, als kein Sieg einer Partei abzusehen war. Unter dem Druck der Öffentlichkeit zogen sich die USA jedoch allmählich aus dem Geschehen zurück und überließen schrittweise ihren südvietnamesischen Verbündeten das Kampffeld. Es fanden internationale Friedensgespräche statt, die im Januar 1973 zu einem "Abkommen über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam" führten. Dieser Vertrag brachte den Verhandlungsführern Henry Kissinger und Le Duc Tho den Friedensnobelpreis ein. Der Vietnamese verzichtete jedoch auf die Entgegennahme dieser Ehrung.
Die letzten regulären US-Truppen verließen im März 1973 Vietnam. Das von den Amerikanern weiterhin ökonomisch gestützte Regime im Süden unter Präsident Thieu stand nun Ha Noi und den Kämpfern der Befreiungsfront gegenüber. Nachdem der US-Senat aber die finanziellen Hilfen für die ehemaligen Verbündeten drastisch kürzte, brach die Wirtschaft Südvietnams zusammen. Die chaotischen Zustände im Lande führten schließlich zum Rückzug der Regierungstruppen Thieus und mit dem Fall Saigons am 30. April 1975 zu einem eindeutigen Sieg Ha Nois. Die letzten zivilen Amerikaner wurden in einer dramatischen Rettungsaktion vom Dach des Botschaftsgebäudes mit Hubschraubern evakuiert.

NACH DER WIEDERVEREINIGUNG
Nach nationalen Wahlen wurden die beiden Landesteile am 2. Juli 1976 unter der Führung Ha Nois wiedervereinigt. Die chaotischen und korrupten Verhältnisse, die die Amerikaner hinterlassen hatten, zwangen zu diesem Schritt, der ursprünglich erst vier Jahre später erfolgen sollte. Trotzdem gelang es der kommunistischen Führung bis heute nicht, die konsumorientierte und profitgierige Gesellschaft im Süden in eine streng linientreue umzuwandeln. Besuchen Sie das Land, so stellen Sie noch jetzt den Unterschied zwischen den ernsteren, ehrlicheren, kommunistischen Vietnamesen im Norden und den lebenslustigeren, geschäftstüchtigen und oft auch korrupten Landsleuten im Südteil fest.
In der internationalen Welt hatte das vereinigte Vietnam jedoch einen schweren Stand. Das Wirtschaftsembargo der USA ließ auch die anderen westlichen Staaten Abstand nehmen. Der große nördliche Nachbar beobachtete argwöhnisch die starke einseitige Bindung an Moskau, die im November 1978 in einen offiziellen Freundschaftsvertrag mündete.
Kurz danach führten ständige Grenzüberschreitungen und gewaltvolle Übergriffe der Roten Khmer Pol Pots zum militärischen Einmarsch in Kambodscha, der international nicht gebilligt wurde. Dieser artete zum Stellvertreterkrieg aus: Phnom Penh erhielt Unterstützung jeder Art von China, Vietnam blieb Moskau treu.
Die Intervention in Kambodscha und Verstaatlichungs- und Kollektivierungsmaßnahmen im Süden Vietnams, die vorwiegend die dortigen Auslandschinesen trafen, stellten für das Reich der Mitte 1979 die Rechtfertigung zur Entsendung von 100.000 Soldaten ins südliche Nachbarland dar. Die gezielte Strafaktion Chinas war von kurzer Dauer, hatte jedoch große Verluste auf chinesischer Seite, aber auch das gewollte wirtschaftliche Desaster für die Nordprovinzen Vietnams zur Folge.
Infolge des Zweifrontenkrieges mußte Ha Noi seine Armee auf mehr als eine Million Soldaten aufstocken. Heute stellt die große Zahl der ins zivile Leben zu integrierenden Armisten ein Problem dar. 1989 zogen sich die Vietnamesen unter dem Druck der Weltöffentlichkeit vollständig aus Kambodscha zurück. Jetzt konnten die 90iger Jahre unter einem glücklicheren Stern beginnen. Die Beziehungen zu den Nachbarn hatten sich normalisiert. Die Wirtschaft war auf einen Reformkurs eingeschwenkt. Am 3.Februar 1994 hoben die Vereinigten Staaten endlich ihr Embargo gegen das Land auf und öffneten somit den Weg zu intensiven Wirtschaftsbeziehungen mit der kapitalistischen Welt.
Am 11.Juli 1995 - 20 Jahre nach Kriegsende - nahmen die USA offizielle diplomatische Beziehungen zu Vietnam auf und am 28.Juli 1995 trat das Land der südostasiatischen Ländergemeinschaft ASEAN bei.

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Agent Orange

Agent Orange - kein Spion, sondern ein aggressives chemisches Herbizid - wurde in großen Mengen in Südvietnam eingesetzt. Im zentralen Hochland und in Teilen des Mekong-Deltas sind die Auswirkungen heute noch gut sichtbar. Die Vegetation hat sich zwar zum Teil erholt, aber die gefährlichen Nebeneffekte sind noch immer wirksam.Der Einsatz von Agent Orange (benannt nach den orangen Streifen auf den Kanistern, die eine der giftigsten Formen von Dioxin bewahrten) begann 1962, als Präsident Kennedy und Verteidigungsminister McNamara, von Präsident Diem ermutigt, nach radikalen Lösungen im Umgang mit den Vietcong-Guerillas suchten. Ziel war es, die Ernte zu vernichten und die Wälder zu entlauben, um die Vietcong ihrer Nahrung und Verstecke zu berauben. Bis 1967 wurden jährlich 600000 Hektar besprüht; Gummi- und Kokosplantagen wurden verwüstet und die Hälfte der Mangrovenwälder im Mekong-Delta vernichtet. Durch Wind und Verdunstung waren auch Obstgärten betroffen. Man schätzt, dass Flugzeuge, Hubschrauber und Panzerwagen insgesamt 72 Millionen Liter des Entlaubungsmittels versprühten.
Nebenwirkungen: Laboruntersuchungen zeigten 1969 einen Zusammenhang zwischen Agent Orange und Geburtsfehlern. Zwei Jahre später, d.h. viel zu spät, wurde der Einsatz chemischer Entlaubungsmittel gestoppt. Inzwischen waren etwa zwei Millionen Hektar Wald entlaubt, die Hälfte hat sich bis heute nicht erholt. Das wiederholt versprühte Dioxin drang in das vietnamesische Ökosystem ein und verseuchte zehntausende Soldaten auf beiden Seiten. Die Zahl an Geburtsfehlern ist in Vietnam heute doppelt so hoch wie in den Nachbarländern. Eine Studie von 1996 dokumentiert eine hohe Rate von Wirbelsäulenschäden bei den Kindern von Vietnamveteranen.
Weitere Effekte von Agent Orange: Nerven- und urologische Leiden, Hautkrankheiten und verschiedene Krebsarten. 1984 wurden Agent-Orange-Opfern in den Vereinigten Staaten, Neuseeland, Australien und Kanada (außer Südkorea, mit der zweitgrößten Zahl ausländischer Opfer) Entschädigungen in Höhe von 240 Millionen US-Dollar gezahlt. Viele fürchten aber immer noch Langzeit-Folgeschäden bei ihren Kindern.

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